Blogreihe: meine Mamas Storys, Leben mit autistischem Kind

Heute stelle ich euch die liebe Kerstin vor und das Leben mit ihrem  wunderbaren Sohn, der die Diagnose Autismus bekam.


img_0517Hallo, ich bin Kerstin, 45, glücklich verheiratet und Mutter von drei wundervollen Kindern. Mit meinem Mann und unseren beiden Nachzüglern (geb. 2010 und 2013) lebe ich am Stadtrand von Stuttgart. Meine große Tochter (geb. 1994) ist bereits ausgezogen und wohnt im eigenen Nest.

 

 

 

 

Das Interview mit Kerstin

Kerstin, du hast drei Kinder und bei deinem Sohn wurde eine Autismusspektrumsstörung festgestellt!

Was ist das genau?

Menschen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum nehmen ihre Umwelt anders wahr (autistische Wahrnehmung). Sie sind eher Einzelgänger, können sich nur mit Mühe in andere Menschen einfühlen und adäquat mit ihnen kommunizieren, Kontakte werden eher vermieden, häufig interessieren sie sich für ein Spezialgebiet. Sie haben Schwierigkeiten, sich auf Neues einzustellen und den Wunsch, Alltagsabläufe immer gleich zu gestalten (Rituale).

Oft orientieren sie sich an Details und haben Mühe, eine Situation ganzheitlich zu erfassen. Sie suchen selten den Blickkontakt und können die Stimmung ihres Gegenübers aus dessen Gesicht schlecht erkennen. In vielen Fällen sind die Betroffenen in ihren Bewegungen eher ungeschickt.
Über- oder Unterempfindlichkeiten auf Licht, Gerüche, Geräusche oder Berührungen sind häufig. Sie zeigen sich z. B. als Faszination für Licht oder glänzende Oberflächen, als Angstreaktionen bei speziellen Geräuschen, als Vorliebe für intensive Körperkontakte oder als auffälliges Beriechen oder Ertasten von Oberflächen und Gegenständen.

Wann wurde dies festgestellt und wie?

Im Alter von ca. drei Jahren, als er in den Kindergarten kam, ist uns erstmals bewusst aufgefallen, dass er sich anders verhält. Bis dahin hatte er sich weitestgehend normal entwickelt. Ein paar komische Verhaltensweisen hatte er zwar schon, denen haben wir aber keine Bedeutung beigemessen. Der Kindergarten hat uns dann darauf aufmerksam gemacht, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt.

 

 Ihr seid relativ spät Eltern geworden, steht das in Verbindung? Falls ja, gab es Momente in denen du dir selbst Vorwürfe gemacht hast oder dir von Aussen Vorwürfen gemacht worden sind?

Nein, mit dem Alter der Eltern hat Autismus nichts zu tun und Vorwürfe hab ich mir auch nicht gemacht. Laurenz war ein Wunschkind und für uns war von Anfang an klar, wir nehmen das Kind, was wir bekommen. Egal ob gesund oder behindert. Vorwürfe von Außen bekamen wir wegen dem Autismus nicht, eher wegen unserem Alter. Da kam schon mal der eine oder andere Spruch, ob das in unserem Alter noch mal sein müsste. Aber da haben wir drüber gestanden und drei Jahre später gleich nochmal einen „nachgelegt“.

 

Wie seid ihr beiden mit dieser Diagnose umgegangen?

Die Diagnose hat für uns nichts geändert. Laurenz ist der gleiche geblieben, ob mit oder ohne Diagnose. Sie war eher wichtig, um verschiedene Förderungen, Therapien und einen geeigneten Kindergartenplatz zu bekommen.

 

 Ist dein Sohn mit dieser Diagnose eingeschränkt, und inwiefern?

Ich glaub, mein Sohn findet nicht, das er eingeschränkt ist;-) Das er keine Freunde hat, stört ihn nicht. Er ist am liebsten allein und vermisst nichts.

 

 Wie reagierte euer Umfeld darauf?

Da wir von Anfang an offen mit der Diagnose umgegangen sind, haben wir kaum negative Erfahrungen mit unserem Umfeld machen müssen.

 

Mit welchen Vorurteilen kannst du aufräumen?

Bevor wir die Diagnose bekamen, kannte ich Autismus nur aus dem Film „Rain Man“. Nicht alle Autisten sind hochbegabt, wie viele vermuten oder sitzen schaukelnd in der Ecke. Autismus ist auch kein Erziehungsfehler oder eine Modediagnose, wie ich schon von vielen gehört hab.

 

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Hast du das Gefühl ihr seid im Alltag bzw. unterwegs gehandicapt?

Der Alltag mit einem autistischen Kind ist anstrengend. Laurenz braucht viel Unterstützung bei alltäglichen Dingen. Man kann sich das so vorstellen, wie bei einem Demenzkranken.

Er ist körperlich nicht eingeschränkt, aber oft Handlungsunfähig. Man muß ihm Schritt für Schritt sagen, was zu tun ist, ihn anleiten und oft aus seiner Welt zurück holen.

Er schläft nicht vor 22 Uhr und auch dann nur bei uns im Bett und wenn sich einer mit ihm hinlegt.

Ein normaler Fernsehabend ist bei uns eher eine Seltenheit.
Unterwegs müssen wir auch immer schauen, ob die Dinge, die wir machen wollen, mit ihm möglich sind.

 

Spielt die Diagnose bei euch Zuhause eine Rolle?

Bei uns zu Hause spielt die Diagnose weniger eine Rolle. Wir versuchen, unser Leben so „normal“ wie es eben geht, zu leben und auch die Kinder so zu erziehen. Es gibt viele Sachen, die bei uns eben anders laufen aber das stört uns nicht. Hauptsache es sind alle glücklich und zufrieden.

 

Wie gehen die Geschwister untereinander um?

Ludwig, unser Jüngster ist das Beste, was seinem großen Bruder passieren konnte.

Das erste Lebensjahr hat der Große ihn zwar komplett ignoriert aber mittlerweile sind sie gut zusammen gewachsen. Der Kleine ist ein Wirbelwind mit Potential. Er fordert Laurenz, unterstützt ihn und schaut sich aber leider auch so manche Verhaltensweise ab. Für ihn war es jetzt wichtig, dass er in den Kindergarten kommt um Kontakt zu „normalen“ Kindern zu bekommen.

Wie sieht die Zukunft für deinen Sohn aus?

Das wüsste ich auch gern…;-) Nein, mal im Ernst, er wird seinen Weg gehen. Wie auch immer der aussehen wird. Er ist ein beliebter, feinfühliger, kluger kleiner Kerl. Ich sag immer zu ihm: „Du wirst mal studieren und Computer-Spiele-Erfinder. Dann machst Du mit Deinem Bruder eine Firma auf. Du erfindest die Spiele und Dein Bruder verkauft sie und ihr unterstützt euch gegenseitig.“ Da lacht er immer und freut sich.
Alles ist möglich…img_0514

Wenn du könntest, was würdest du anders machen und was gibst du gleichgesinnten Eltern mit auf den Weg?

Ich würde nichts anders machen. Unser Sohn soll so bleiben dürfen, wie er ist. Wir möchten, dass er im Leben zurecht kommt, ohne das er um therapiert oder ruhig gestellt wird. Er ist anders und das soll er bleiben dürfen. Es wird Menschen geben, die sein Potential erkennen und ihn so akzeptieren, wie er ist, davon bin ich überzeugt.
Gleichgesinnten Eltern kann ich nur raten, vernetzt euch. Die besten Ratschläge und Tipps habe ich von anderen Betroffenen Eltern erhalten.

Über Foren, Webseiten oder Elternstammtische gibt es viele Möglichkeiten des Austausches. Ärzte und Psychologen können viel erzählen. Wie das Leben mit einem autistischen Kind aber tatsächlich ist, das Wissen nur wir Eltern selbst.

 

Vielen Dank liebe Kerstin, für das tolle Interview, alles Liebe für Euch und deinem kleinen Helden 🙂

 

 

Ihr findet Kerstin auf ihrem Blog tagaustagein.org 🙂

 

Eure

mamasdaily

3 Kommentare

  1. Pingback: Blogreihe meine Mama Storys, Lisa und Kampf gegen Tumor | mamasdaily

  2. Das ist wirklich ein sympathisches Interview. Mein Sohn ist auch Asperger und viele Dinge kommen mir bekannt vor. Er ist jetzt acht und als Inklusionskind in der Regelschule (mit Schulbegleiterin), was sehr gut klappt.
    Auch er hat seine kleine Schwester (drei Jahre jünger) während ihres ersten Lebensjahres fast komplett ignoriert. Manchmal hat er mir gesagt wo ich sie „abstellen“ soll 🙂 und als sie noch nicht krabbeln konnte „durfte“ sie auch mal auf dem Esstisch liegen, das fand er dann toll.
    Auch er geht erst um 21.30 Uhr ins Bett und hängt sehr an uns. Weil ich unser Ehebett wieder für uns haben wollte müssen wir jetzt bis er einschläft (mit Glück um 22.00 Uhr) alle 10 Minuten nach ihm sehen, sonst bekommt er Panik.
    Alles Gute euch als Familie und besonders deinem kleinen Aspie 🙂

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