Die Geburt meines verstorbenen Kindes / Sternenkind Teil 2

Viele von euch wollten wissen, wie es bei uns weiter ging und deshalb möchte ich auch diesen Teil gerne erzählen…


Ihr möchtet gerne nach Teil 1 unsere Geschichte weiter hören…Wenn ich mich heute daran erinnere, dann weiß ich jedes einzelne Detail, aber im Endeffekt lief es ab wie in einem Film. Und heute? Heute frage ich mich oft, was ein Mensch alles aushalten kann und bin inzwischen davon überzeugt das ein übliches „ich kann nicht mehr“ noch lange nicht alles ist. 

Denn dieses „ich kann nicht mehr“ habe ich bereits an Tag 1 mehrfach gesagt, das ich noch drei weitere Tage vor mir haben werde, wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Am Vormittag des 24.10 kam ich auf die Intensivstation wurde an sämtliche Monitore angekabelt und war davon überzeugt heute auch dort wieder raus zu laufen.

Ich war ein besessener Optimist. Über eine PDA wurde ich ausführlich aufgeklärt, ich hatte allerdings etwas Angst davor. Und als ich mit dem Rücken gebeugt vor zwei Ärzten saß, wurde die Angst zur Panik. Denn sie legten sie zweimal falsch und mussten immer wieder von Neuem anfangen. Mein linker Fuß bekam eine Art Stromschlag, was mich so panisch machte, das mein Kreislauf zusammen klappte. Das half den Ärzten allerdings auch nicht weiter und so war bereits das ein Drama.

Das Ende der PDA sie saß, aber nur zur Hälfte. Das beängstigte mich vier Tage lang, denn ich hatte keine Ahnung wie heftig künstlich eingeleitete Wehen werden sollten.

Ein Danke an meinen Mann!

Und dann lag ich da, alleine im Bett, angeschlossen und starrte an die Decke. An dieser Stelle möchte ich dem Räuberpapa nochmals Danke sagen, der die ganze Zeit, vier Tage lang, ohne Bett, auf einem Stuhl! mit einer Decke schlief und da war. 

Jetzt hieß es warten, warten bis die Wehen einsetzten. Aber das taten sie lange nicht. Stattdessen vertrug ich offensichtlich die PDA überhaupt nicht und musste mich ständig übergeben, so schlimm, dass ich in diesem Bett nur liegen konnte.

Da mein Bein betäubt war, konnte ich nicht auf die Toilette und man versuchte mir deshalb eine Bettpfanne anzubieten. Ehrlich gesagt fällt es mir gerade schwer diesen Gefühlszustand zu beschreiben. Ich war am Ende, leer, und fühlte mich hilflos ausgesetzt. Alleine mit dieser Bettpfanne und betäubten Beinen versuchte ich eine Gymnastik im Bett zu veranstalten, die einfach nicht klappte. Also hieß es Katheter. Allerdings legte die Dame den Katheter falsch und ich bekam Schmerzen, obwohl eigentlich hätte alles betäubt sein müssen. 

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel geweint, wie in diesen Tagen. Eigentlich konnte ich mich gar nicht richtig darauf konzentrieren, dass ich mein verstorbenes Baby gebären sollte. Weil der Tagesablauf mich quälte.

Ich hatte eine PDA, die nur einseitig wirkte. Ich habe vier Tage lang meine Wehen gemerkt. Mal stärker, mal weniger stark. Allerdings konnte man nicht mehr nachspritzen, als ohnehin schon in mir war. Von Schlafen war nicht die Rede, ich musste mich täglich mehrfach übergeben, weil ich die PDA nicht vertrug und konnte vier Tage nichts essen und nur Leitungswasser trinken. Gegen Ende bekam ich zusätzlich Sauerstoff, weil ich einen Kreislauf Zusammenbruch hatte und zu wenig Luft bekam. 

Ich fühlte mich seelisch vergewaltigt

An Tag 3 hieß es inzwischen schon fast genervt von den Oberärzten, ordentlich Wehenauslöser zu geben. Denn solange sei nicht normal. Ich war mit meinen Kräften und meiner Laune am Ende und da war es wieder „ich kann nicht mehr“.

Jeden Tag von sämtlichen Pflegern angefasst, gewaschen, umgezogen und abgetastet zu werden ist mehr als unangenehm, hilflos da zu liegen und zu warten bis man sein verstorbenes Kind in den Armen halten darf- unbeschreiblich. Ich fühlte mich seelisch und körperlich vergewaltigt. 

In diesen vier Tagen erlebte ich unzählige Ärzte und Schwestern, die alle samt unterschiedliche Launen und Charaktere mit sich brachten. Sie waren bemüht und machten ihre Arbeit bis auf die Katheter Dame (die ich übrigens angeordnet habe, nicht mehr haben zu wollen) gut.

Aber am Nachmittag des dritten Tages kam jemandes Neues und die Dame besaß tatsächlich soviel Unverschämtheit an meinem Bett zu stehen und mir klar zu machen, dass ich innerlich endlich los lassen soll, sonst würde das Kind nach Wochen noch nicht auf die Welt kommen. 

Ja, auch das gab es. Heute ärgere ich mich sehr über die Dame, aber damals war ich einfach nur nervlich, seelisch und körperlich am Ende, so das ich nur noch nach Hause wollte. 

Am Abend fragte ich den Räuberpapa, wie ich denn merken sollte, wann er denn kommt, wenn alles betäubt sei. So langsam fing ich nämlich an, mir Gedanken zu machen, aber er hatte mir keinen Rat.

Und mitten in der Nacht wachte ich auf, Tag 4, es knallte. Ich hörte ein lautes Platzen und weckte ihn, er hatte nichs gehört. Und ich habe zu diesem Zeitpunkt ernsthaft an meinem Verstand gezweifelt. Wir klingelten. Die Damen rannten ins Zimmer, denn es lief mir bereits alles die Beine herunter. Dann hieß es ich solle einfach nur pressen. Und sie gingen wieder. 

„Lief das mit dem Pressen nicht eigentlich anders ab? Wieso gingen die wieder? Muss ich durchgehend drücken? „

Ich hatte keine Ahnung, ich machte. Und dann ging alles ganz schnell da war er. Vor mir im Bett. Kein Schrei, keine Bewegung nichts. Ich habe mich nicht getraut ihn anzufassen, aber er war wunderschön. Er sah friedlich aus. 

Die Schwestern nahmen ihn mir weg und kamen dann mit einem Nestchen, es sah aus wie ein Osternestchen, mit einer Decke darin, wieder. Da lag er.

Sie ließen uns alleine. Und da waren sie weg, die Hemmungen und ich streichelte ihn. Seine Fingerchen waren ganz weich und so klein. Ich lächelte, denn mein Mama-Stolz war da schließlich habe ich einen Sohn auf die Welt gebracht. Für einen kurzen Moment redete ich mir ein, er würde wie ein Wunder vielleicht einfach nur atmen. Aber es passierte nichts. 

Wir bekamen einen Fuß-/und Handabdruck. Das war alles, was blieb.

Ich fühlte absolut nichts, als ich das Nestchen mit unserem Sohn an die Schwester gab. Er war nur für einen kurzen Moment da…aber für ein Leben lang in meiner Erinnerung.

Für einen kurzen Moment war alles vergessen und der Satz „ich kann nicht mehr“ bekam neue Dimensionen. Für einen kleinen Moment war alles ruhig und ich fühlte nach vier Tagen Wärme, es war vorbei. Und später wusste ich, weshalb ich vier Tage der Hölle durchgemacht habe, ohne Kaiserschnitt. Um Abschied nehmen zu können, um es mir heute etwas leichter zu machen, weil ich es erlebt habe. 

Meine Ausschabung danach, bekam ich unter Tränen überhaupt nicht mehr mit. Sie hätten glaube ich alles mit mir machen können. Ein paar Stunden später wurde ich bereits Stationsfit gemacht und man drängelte darauf, dass ich aufstehen musste. Am Tag darauf fuhren wir nach Hause. 

* Unser Baby K. kam am 27.10 um 01:10 Uhr zur Welt, in der 17Ssw. *

Alles, was ich habe, ist meine Erinnerung, die sich bis ins Detail eingebrannt hat. Und einen Fuß-/Handabdruck, der mir mitunter eines der wichtigstens Dinge in meinem Leben ist. 

Heute hat Baby K. eine wichtige Aufgabe, er ist der große Bruder und Schutzengel von unserem Räuber. 

Und oft denke ich daran, wie er wohl heute aussehen würde, was er wohl für eine Stimme hätte. Wäre er auch so ein Schlitzohr wie der Räuber? 

– Ich bin Mama von zwei Jungs und stolz darauf!


Lasst mich bitte gerne wissen, ob ihr unsere Geschichte weiter verfolgen möchtet und ob ihr unseren Weg zum endgültigen Abschied lesen wollt und wie ich mit den Ämtern um mein Recht kämpfte.

4 Kommentare

  1. Hallo liebe Yvi, mir ist gerade die Luft weggeblieben und die Tränen kamen mir. Ein unendlich schlimmes Erlebnis hast du gehabt und nun hältst du das Glück mit deinem zweiten Kind in Händen. Der Schmerz wird dich nie verlassen, aber etwas verblassen. Widme dich deinem kleinen Sonnenschein und wie du schon sagst, der große Bruder wird auf ihn aufpassen! Ich kenne deinen Schmerz, denn ich habe selbst eine Sohn verloren und meine Tochter ihren geliebten großen Bruder. Nur lag der Fall bei uns etwas anders, er hat bereits 29 Jahre gelebt und ist durch eine Erkrankung gestorben. Ich denke, der Schmerz ist trotzdem gleich groß. Du bist noch jung und wirst dein Leben meistern, da bin ich mir ganz sicher. Allerdings bin ich wirklcihnempört über die Art, wie man im Krankenhaus mit dir umgegangen ist-das ist wirklich katastrophal! Ich wünsche dir alles, alles Liebe und ein wunderschönes Weihnachtsfest mit deinen Lieben

  2. Astrid Wendt

    Liebe Yvi, irgendwie bin ich gestern Abend auf deine Seite gestoßen. Wir haben vor 26 1/2 Jahren unsere Tochter Alicia verloren. Auch bei meinem Arztbesuch konnte man keine Herztöne mit dem CTG aufzeichnen und der FA konnte mit dem Ultraschall auch keine Herzbewegungen erkennen. Ich war am Anfang der 33 SSW. Von der Praxis bin ich noch mit dem Fahrrad(Man wollte mir ein Taxi rufen) nach Hause gefahren. Der Weg war nicht so weit. Meinen Mann habe ich dann von zu Hause angerufen, Tasche gepackt. Dann sind wir zusammen mit dem Auto ins Krhs gefahren und meinen Gedanken waren, hoffentlich zerbricht unsere Ehe nicht daran. Im Krhs wurden noch einmal die Herztöne überprüft. Mit dem gleichen, traurigen Ergebnis. Ab Mittag bekam ich dann einen Wehentropf mit Schmerzmitteln. Zu Essen und zu Trinken gab es für mich nichts mehr. Nur feuchte Tupfer für die Lippen. Ich kürze es jetzt mal ab. Der Freitag war der 3. Mai und unsere Tochter wurde am 5. Mai abends um 20.15 Uhr still geboren. 1870g, 48cm und 32cm KU. Die Ärzte und Schwestern waren sehr nett zu uns und auch die Hebammen. Natürlich wollte ich nicht wissen was es ist und es auch nicht sehen, aber die Hebamme hatte dazu geraten und auch erklärt warum. Wie Alicia dann da war wurde sie in ein Handtuch gewickelt und mir in den Arm gelegt, die Hebamme verließ dann den Kreißsaal. Danach durften wir einige Zeit mit unserer Tochter verbringen. Sie wurde dann noch angezogen und wir bekamen sie dann nochmal. Wir hatten uns dann für eine Untersuchung entschieden. Klar war aber der Grund des Todes, zugezogener Nabelschnurknoten und die Nabelschnur war 3 mal um den Hals geschlungen. Bei der Untersuchung kam dann Gottseidank nichts anderes mehr heraus. Diese Schmerzen (Wehen) waren heftig, ich war auch so zappelig, vielleicht auch nervös. Unsere Tochter hat dann im 12/92 und im 8/95 noch zwei wunderbare Brüder bekommen. Der Geburtstag war an unserem 2. Hochzeitstag! Sei lieb gegrüßt von Astrid. Ich wünsche euch mit dem Räuber ein besinnliches Weihnachtsfest!

  3. Oh Yvi, das ist so unendlich traurig was du – ihr – erleben musstet.
    Bei mir wurde die PDA auch mehrmals falsch gesetzt, beim dritten Mal dachten sie getroffen zu haben, lagen aber wieder falsch. Das Schmerzmittel half überhaupt nicht, Wehen wurden aber trotzdem per Tropf von 0 auf 100 eingeleitet. Hinterher hatte ich wegen der falsch gesetzten PDA eine Woche lang eine Art Gehirnerschütterung und konnte nicht aufstehen.
    Aber meine Tochter kam gesund zur Welt.
    Ich wünsche dir und deiner Familie ruhige und besinnliche Weihnachten.

    • Hallo Eva, danke für deine Meinung. Schlimm, dass du das mit der PDA auch so erleben musstest. Ich wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr! Grüße Yvi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.