Mama, ich bin doch hier, bitte weine nicht!

Mama

Ich denke viel an die Zeit auf der Intensivstation zurück und oft denke ich auch daran, was eigentlich der kleine Mann so dachte.. Diesesmal gebe ich ab, an meinen Räuber und seine ganz eigene Geschichte…


Seit drei Tagen bin ich auf der Welt. Eine komische Welt, in Mamas Bauch hat es mir viel besser gefallen, aber Mama ging es so schlecht, dass ich dort nicht mehr länger wohnen konnte. Plötzlich packten mich grüne Männchen und legten mich in einen Kasten. Einfach so! Ich wusste nicht wo ich war und was sie mit mir machen werden.

Was sie mit meiner Mami gemacht haben, kann ich euch auch nicht sagen, denn seit drei Tagen war sie nicht einmal da. Hat sie mich vielleicht vergessen?

Wo ist meine Mama? 

In meinem Kasten ist aber gar nicht so schlecht, es ist schön warm und auch nicht so hell. Manchmal hängt man mir sogar einen Vorhang darüber, so das ich besser schlafen kann. Ständig sind viele Menschen um mich herum und schauen nach mir.

Mein Papa war aber von Anfang an da, ich habe ihn schon am Eingang gehört, er räuspert sich immer so komisch, dass machte er schon, als ich noch in Mamas Bauch wohnte.

Als er mich das erste Mal sah, schaute er mich schockiert an und ich merkte, wie seine Hände zitterten, als er in meinen Kasten hinein fasste. Eigentlich wollte ich ihm sagen, dass er keine Angst haben muss, denn hier ist es wirklich schön!

Mein Papa kann inzwischen schon alles mit mir machen, er dreht mich öfter einfach mal um, was ich aber manchmal gar nicht so toll finde! Er steckt mir ausserdem immer etwas in den Po, wartet bis es piept und freut sich dann, wenn er das Ergebnis sieht. Manchmal ist er, glaube ich, etwas komisch…ob Mami wohl auch so ist? Das Windeln wechseln macht er aber toll!

Mama

Letztens hörte ich, wie der Arzt zu meinem Papa sagte, dass ich das ganz gut machen würde. Aber dann fragte ich mich, was ich denn mache, eigentlich liege ich hier nur rum und würde gerne meine Mami sehen. 

Aber ich bekomme nicht nur Lob, diese Leute, die immer mal wieder in meinen Kasten schauen, finden es wohl nicht so lustig, dass ich dieses blöde Kabel aus meiner Nase gezogen habe und das nicht nur einmal!

Das mussten sie natürlich gleich Papa petzen! Aber dieses Kabel juckt wirklich, hat das denen mal einer gesagt? Ich will das nicht, auch dann nicht, wenn sie mir den Schlauch mit einem Herzchenpflaster fixieren! 

Der dritte Tag… hat Mami mich vergessen?

Heute ist der dritte Tag und Papa war heute noch nicht da. Hat er mich etwa auch vergessen? Ich will nicht bei diesen merkwürdigen Leuten  bleiben!

Dann geht die Tür auf und ich höre Papi und da ist…

Moment mal…diese Stimme…das ist sie! Ich blinzele aus meinem Kasten, aber ich sehe nichts. Ich kenne diese Stimme! Das ist meine Mama! Sie ist da! Sie hat mich nicht vergessen! 

Aber wieso kommt sie denn nicht hier her? „Hier bin ich! Mamaaa! Ich bin doch hier! Ich bin’s!“ Sie steht da am Eingang und hört sich so traurig an.

Ich weiß, wenn meine Mama traurig ist, als ich noch in ihrem Bauch wohnte, habe ich sie oft lachen gehört, traurig war sie auch manchmal, sie hat sich leider oft Sorgen um mich gemacht. Obwohl ich sie gar nicht so fest geboxt hatte! Eigentlich habe ich alles mitbekommen, aber ich habe ihr versprochen, es niemandem zu verraten! 

„Mama, du musst nicht weinen, es ist wirklich schön hier! Komm her, ich zeige dir meine neue Wohnung. Sei nicht traurig, das ich gehen musste!“

Mama

Dann stand sie vor mir und ich spürte ihre weichen Hände auf meinem Bauch. Es fühlte sich so warm an, das ist also meine Mama! Ich möchte nicht mehr in dieser Wohnung sein, ich will wieder zu ihr, das habe ich gerade beschlossen. Mit einem großen Schrei versuche ich das allen auf dieser Station zu sagen! Hört mich jemand? 

Und dann war ihre Hand plötzlich weg, ich blinzele aus meinem Kasten. Habe ich sie etwa erschreckt? Sie weint. Mein Papa nimmt sie in den Arm.

Er ist so stark, wenn ich mal ganz groß bin, möchte ich auch Papa sein! 

Plötzlich ruckelt es an meiner Wohnung, es piept überall, mich packt eine kalte, merkwürdig riechende Hand. Das gefällt mir gar nicht! Was machen die mit mir? Es wird plötzlich so eklig kalt! Was soll denn das?

Ich will gerade nochmal groß los schreien, da liege ich auf was ganz Warmen. Mir wird eine Decke über mich gelegt und ich fühle mich gleich pudelwohl. Ich blinzele nach oben.

Da war sie wieder, meine Mami. Ich liege auf ihr und wir kuscheln zusammen! Sie streichelt mir über meinen Rücken und ich höre ihr Herz schlagen…und was war das? Oh, hat sie etwa Hunger?

Es ist, als würde ich wieder in ihrem Bauch wohnen. Ich genieße es und ich merke, wie sie es auch mag. Sie riecht sooo gut. Und ich mag es, wie sie mich berührt und streichelt.

Sollen doch die anderen weg bleiben, ich will nur noch meine Mami und mein Papi haben!… Und dann schlafe ich ein… So soll es immer sein! 

Bitte lass dieses Gefühl nie zu Ende sein! Danke Mama, dass du mich nicht vergessen hast…

Ich glaube meine Mama ist doch ganz okay! 😉 

Euer 

Räuber


Auch in Anlehnung daran, wie wichtig das känguruhen für Frühgeborene und deren Eltern ist! 

11 Kommentare

  1. Da kamen mir nun doch ein paar Tränen. Und merkwürdiger Weise ähnliche Erinnerungen denn auch ich bin eine Frühchen Mama. Auch eine sehr emotionale Zeit, nach drei Tagen habe ich meine Stella endlich das erste mal im Arm gehalten und sie durfte für ein paar Minuten auf mir kuscheln. Ich freue mich darüber dass immer mehr Frühchen Aufklärungsarbeit geleistet wird. Damals 2007 war das nicht so gewesen. Ich freue mich darüber dass es der Mama und dem kleinen Räuber heute gut geht,er fleißig im Sandkasten spielen kann. ❤️ liebe Grüße Michaela

    • Hallo Michaela,

      schön, dass du dich wieder findest! Die Aufklärungsarbeit ist leider
      erst am Anfang und bedarf noch viel mehr davon! Aber es hat sich schon einiges
      getan und ich hoffe, dass man noch so viel mehr für die kleinen Kämpfer machen kann und auch, nicht zu vergessen, für die Eltern!

      Liebe Grüße

      Yvi

  2. Wie toll das erzählt worden ist..mir kamen auch die Tränen erinnert mich sehr an meine Tochter bin auch frühchen Mama meine kleine ist jetzt 2 Monate alt ..Liebe Grüsse conny

    • Liebe Conny,
      ich danke dir,dass freut mich zu hören 🙂
      Ich hoffe bei deiner Kleinen verlief soweit alles gut!
      Alles Liebe euch 🙂

      Yvi

  3. Mein Kleiner kam in der 28 Ssw zur Welt und du schreibst mir aus der Seele. Noch immer habe ich daran zu verarbeiten. Viele in meinem Bekanntenkreis können das nicht verstehen, denn bei Ihnen lief alles glatt. Ich bin aber froh, dass es solche Artikel gibt, vielleicht kann man es mehr publik machen damit einen Andere besser verstehen, bzw auch das Kind verstehen. Mein Sohn wird in zwei Wochen 4Jahre. Wahnsinn!

    • Liebe Susie 🙂 ich danke dir! Teilen und Verteilen des Beitrages hilft schon ungemein um es noch mehr in die Öffentlichkeit zu bringen 🙂
      Ich wünsche euch alles Gute!

  4. Pingback: Häkel Tintenfisch und Oktupus für Frühchen / Blog Aktion |

  5. Oh mein Gott, wie schön es einfach geschrieben ist…
    Ich kann kaum noch aufhören zu weinen…. meine Tochter ist nun schon seit 3 Monaten auf der Welt, doch die Erinnerungen kommen immer wieder…..
    Außer dass meine kleine Lea „keinen Papa hat“ und ich bereits am ersten Abend nach der „Geburt “ bei ihr War denke ich, erging es ihr ziemlich gleich.
    Vielen Dank für diesen unfassbar schönen Text.

    Liebe Grüße, Tami

    • Liebe Tami, danke für so liebe Worte, dass freut mich zu hören! Erstmal noch herzlichen Glückwunsch! Und ich hoffe euch geht es soweit gut! Liebe Grüße Yvi

  6. Hope's Mami

    Sehr schön geschrieben, auch mir kamen Tränen der Erinnerung, ich bin eh gerade etwas emotional, heute vor 9 Jahren ging ich in der 29.ssw ins Krankenhaus weil ich Blutete, ich musste dann mit dem Krankenwagen in ein anderes Krankenhaus gebracht werden weil sie in der wo ich eigentlich entbinden wollte nicht für Früchen ausgestattet waren….
    Danke begann eine harte Zeit in den Tagen bis zum 1.9.08 habe ich 15 mal von der Normalen Bettenstation zum Kreißsaal hin und her gewechselt….

    Am 1.9.08 um 11.30 habe ich bei der Chefin meiner Mutter im Büro angerufen und weinend gesagt sie soll doch bitte ganz schnell meine Mama in Einsatz benachrichtigen das sie mich anrufen soll, 3min speter hat mein Handy geklingelt und sie war dran und fragte was los sei, ich habe sie gebeten alles stehen und liegen zu lassen da die Ärzte mir gesagt hatten das sie die Geburt nicht mehr stoppen können…
    Um ca 13.00 Uhr war sie dann da, sie hatte das Auto aber direkt im Parkverbot abgestellt weil sie zuerst zu mir wollte, die Hebamme hat ihr dann gesagt sie hätte genug zeit das Auto um zu stellen die Geburt würde sicher noch etwas dauern, dann ging sie um ca 13.30…
    Ja meine kleine hatte es eilig und erblickte um 13.45 das Licht der Welt. Um 13.55 stand dann meine Mama wieder da und war völlig entsetzt weil mein Bauch weniger war, und da ging die Tür auf und die Hebamme kam mit meiner Tochter herein um Sie uns kurz zu zeigen, ich durfte sie 2-3 Minuten halten und dann brachten sie sie ins Kinder Krankenhaus auf die früchen Station und ich konnte sie dann erst um 19.00 Uhr wieder sehen….

    Unglaublich dass das bald 9 Jahre her sind und i 9 Jahren aus 1550gr & 40,5cm knappe 34kg und ca 1,30cm geworden sind….

  7. Sehr schön geschrieben.
    Bin auch frühchen mama und das gleich 2 mal mein sohn kam in der 31 plus 5 ssw und meine Tochter 2 jahre später in dee 32 plus 5 ssw auf die welt natürlich hab ich auch immer noch damit zu kämpfen, bin aber froh das sie es gut gemeistert haben. Kann da nur mitfühlen.

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