Ich bin Mutter, auch wenn es mir mein Kind nie sagen wird

Sternenkinder

Der 15. Juni 2016 war wohl der schönste Tag in unserem Leben. Kurz nach 11 Uhr kam der Anruf aus der Kinderwunschklinik: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger!“ Wir wussten zu diesem Zeitpunkt seit circa einem dreiviertel Jahr, dass ich auf natürlichem Weg zu 99 % nicht schwanger werden kann und wir entschieden uns deshalb für eine künstliche Befruchtung.

Alles war wunderbar!

Der erste Versuch (ICSI) war dann zum Glück auch gleich erfolgreich und wir dachten, dass sich alle Kosten und Mühen, Nerven und Tränen gelohnt hatten – wie naiv man sein kann
Zwei Wochen später sahen wir unser Kleines das erste Mal auf dem Ultraschall, das Herzchen hat geschlagen und alles war wunderbar. Wir wurden mit unserem ersten Ultraschallbild aus der Kinderwunschklinik zum normalen Frauenarzt entlassen.

Ich war zu diesem Zeitpunkt Ende der 7. Woche. Mir ging es blendend. Keine Übelkeit, keine sonstigen Beschwerden. Ich fühlte mich komplett unschwanger. Ende der 9. Woche hatten wir den ersten Termin bei meinem Frauenarzt , auch hier war wieder alles super, das Kleine ist schön gewachsen und man konnte schon Beinchen und Ärmchen sehen.
2 Wochen später starb meine geliebte Oma. Ganz still und leise, so wie sie gelebt hatte, ging sie mit 90 Jahren von dieser Welt. Ich war untröstlich, ich wollte ihr 2 Tage später erzählen, dass ihre „große“ Enkelin auch endlich ein Wunder unter dem Herzen trägt, aber sie durfte es leider nicht mehr erfahren.

War es der Mutterinstinkt, der mir sagte, dass irgendwas nicht stimmte?

Zu diesem Zeitpunkt fingen meine Zweifel an, die Ängste nahmen zu, obwohl wir schon in der 12. Woche waren und mir jeder versicherte, jetzt wird nichts mehr passieren. Aber jedes Mal, wenn ich eine Schwangere mit dickem Bauch sah, fragte ich mich, ob ich das wohl auch erreichen würde, konnte es mir einfach irgendwie nicht vorstellen. Mutterinstinkt?

Sternenkinder
Kurz darauf, vor dem Ersttrimesterscreening, fingen die Blutungen an. Ich bin natürlich sofort zum Arzt, „meine“ Ärztin war leider im Urlaub und ich musste zur Vertretung. Aber laut ihm alles ok, das Kleine hat sich bewegt, und eine Blutungsquelle hat er nicht gefunden. Ich wurde krankgeschrieben und sollte mich schonen. Wir waren inzwischen in der 13. Woche angelangt. Ich weiß nicht, wie oft ich die nächsten 3 Wochen beim Arzt war, immer wieder Blutungen, keine Schmerzen, unserem Kind ging es super, es war zeitgemäß entwickelt und bewegte sich fleißig.

Anfang der 16. Woche war meine Ärztin endlich wieder aus dem Urlaub da. Ich hatte an diesem Tag ein total schlechtes Gefühl. Wieder Ultraschall, dann meinte sie irgendwann, ich hätte etwas wenig Fruchtwasser und sie würde das gerne abklären lassen, ich soll bitte in die Uniklinik, dort haben sie die besseren Geräte. Mein Mann und ich ahnten da schon, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Zum Glück habe ich schon 5 Tage später einen Termin bekommen. Mein Mann konnte an diesem Tag nicht mit, er hatte einen unverschiebbaren Geschäftstermin. Also fuhr ich alleine. Der Professor schallte, fragte, ob ich Flüssigkeit verloren hatte. Nein, hatte ich nicht, „nur“ die Blutungen. Kurz darauf der Satz, der mir den Boden unter den Füßen wegriss:

„Es tut mir leid, Sie haben einen Blasensprung. Wir müssen jetzt schauen, ob wir irgendwie die 24. Woche erreichen, damit wir ihr Kleines holen können, dann hat es eine Chance, vorher nicht. Oder Sie beenden die Schwangerschaft sofort, es ist Ihre Entscheidung. Aber Ihr Kind wird zu 99 % nicht gesund auf die Welt kommen!“

Abtreiben? Unser kleines Wunder, auf das wir so lange gewartet haben und auf das wir uns so gefreut haben? Kam überhaupt nicht in Frage…Wie ich nach Hause kam weiß ich nicht mehr, mein Mann war zum Glück schon da. Wir weinten, überlegten, was wir tun sollen. Wir entschieden, dass wir abwarten wollen, es gab auch schon Fälle, wo sich die Blase wieder verschloss und alles gut wurde.

Ich soll mein Kind abtreiben?

Einen Tag später, es war ein Samstag, ging ich auf Toilette. Beim Aufstehen platzte die Fruchtblase komplett, Blut, Wasser, Eiter, alles lief mir die Beine runter. Da wusste ich, es ist vorbei. Ich rief meinen Mann, wir sind sofort ins Krankenhaus gefahren. Die Ärztin dort machte wieder einen Ultraschall, ich hatte zu diesem Zeitpunkt gar kein Fruchtwasser mehr, unser Kleines lag total eingekauert in meiner Gebärmutter und konnte sich nicht mehr bewegen.

Ich wurde sofort stationär aufgenommen und die Geburt sollte eingeleitet werden. Wir wollten diese Entscheidung aber noch nicht treffen, wollten nochmal abwarten. Zwei Tage später bekam ich Fieber, trotz ständiger Antibiotikainfusionen. Wir mussten eine Entscheidung treffen. Es ist die schlimmste Entscheidung, die man als werdende Eltern treffen kann. Mein Mann und ich weinten nur noch, wir waren komplett überfordert. Aber mein Fieber und meine Entzündungswerte stiegen immer mehr an, es gab keine andere Wahl.

Wir unterschrieben… 2 Stunden später bekam ich das erste Gel gelegt, abends das Zweite. Ich durfte nicht mehr essen, nicht mehr trinken, da ich nach der Geburt sofort in den OP sollte zur Ausschabung, und die Ärzte dachten, es geht bald los. Aber es ging nicht los…

4 lange Tage lag ich da, wusste, dass wir unser kleines Wunder nie im Arm halten dürfen, bekam ständig neues Gel, aber es tat sich nichts. Mein Mann war die ganze Zeit an meiner Seite. Die Ärzte erzählten ihm immer, wie stark ich sei, wie toll ich das mache. Was blieb mir anderes übrig?

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Am 5. Tag entschieden sie, dass ich jetzt direkt in den Kreißsaal und an den Wehentropf komme. Gegen 12 Uhr mittags bekam ich die ersten Wehen. Am Anfang wehrte ich mich noch gegen Schmerzmittel, aber die Schmerzen wurden unerträglich und mir wurden welche gespritzt. Die Schmerzen wurden immer stärker und ich dachte, dass unser Kleines jetzt dann bald kommt – aber der Muttermund wollte sich einfach nicht öffnen, unser Kleines kämpfte…

Die Ärztin war irgendwann einfach nur noch genervt und wurde unverschämt. Man solle mir doch jetzt einfach eine PDA legen, sie wüsste jetzt auch nicht mehr weiter und wüsste gar nicht, warum ich mich so anstellen würde. Gegen Mitternacht entschieden die Ärzte, dass wir erstmal abbrechen, ich bekam Valium, damit ich etwas schlafen kann. Aber geschlafen habe ich kaum, im Kreißsaal nebenan bekam eine Frau ihr Kind, es weinte. Nur unser Kind würde nie weinen
Am nächsten Morgen kam der Oberarzt. Wir waren erstmal erleichtert, dass es nicht die Ärztin vom Vortag war. Er untersuchte mich und meinte dann irgendwann: „Das Kleine ist schon fast da, Sie haben es fast geschafft. Wir gehen da heute zusammen durch, machen Sie sich keine Sorgen.“ Also wieder in den Kreißsaal ,nochmal den Tropf. Abends, am 10. September 2016 um 17.05 war sie geboren: Unsere hübsche kleine Maus. Sie war so perfekt, so hübsch – und sie hatte die Nase ihres Papas. Es war genau bei 17+1, sie war 15 Zentimeter groß und wog 110 Gramm. Wir durften sie auf dem Arm halten. Die Hebamme fragte uns, ob wir ihr einen Namen geben wollten.

Es ist unser Krümelchen…

Wollten wir das? Wir hatten doch bis gerade gar nicht gewusst, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, über einen Namen hatten wir uns noch gar keine Gedanken gemacht. Und wenn wir ihr jetzt einen Namen geben, wäre es dann auch der Namen, den wir einem „lebenden“ Kind geben würden? Da wir die ganze Schwangerschaft über immer nur von unserem „Krümelchen“ geredet haben entschieden wir, dass wir es dabei belassen, es würde immer unser kleines Krümelchen sein.

Ich weinte an diesem Tag nicht mal mehr, ich konnte einfach nicht mehr, wir hatten keine Tränen mehr. Ich musste dann sofort in den OP, wurde ausgeschabt. Unsere Kleine wurde weggebracht. Die Hebamme hat aber zum Glück noch ein paar Fotos gemacht.
Am nächsten Tag durfte ich nach Hause, mein Mann hat sich eine Woche Urlaub genommen, um für mich da zu sein. Die nächsten Tage liefen wie ein Film an mir vorbei. Ständig kamen die Bilder, die Erinnerungen – es war schrecklich.
Wir hatten uns entschieden, unser Mädchen in einem Sammelgrab bestatten zu lassen, zusammen mit vielen anderen, still geborenen Sternchen.

Sternenkinder

Die Trauerfeier war Ende Oktober. Ich hatte so Angst vor diesem Tag, aber es war eine wunderschöne Feier und wir haben endlich einen Platz, wo wir jederzeit hingehen können.
Inzwischen sind 4 Monate vergangen, in 3 Wochen wäre unsere Tochter endlich bei uns. Nein, falsch: sie IST bei uns, aber anders, wie man sich das als Eltern vorstellt. Sie ist jeden Tag bei uns, 24 Stunden, Tag und Nacht.
Leider können viele das nicht verstehen, verstehen nicht, dass wir immer noch trauern, „es ist doch schon so lange her“. Keiner, der sowas nicht selber durchmachen musste, kann verstehen, wie schmerzhaft eine solche Erfahrung ist.

Und es wird endlich Zeit umzudenken, jedes Leben zu akzeptieren, die Trauer verwaister Eltern (ja, wir sind Eltern, wir sind Mama und Papa geworden, auch wenn uns unser Kind das nie sagen wird) zu akzeptieren und zu unterstützen. Und es muss sich bei der Schwangerenvorsorge unbedingt etwas tun.

Man hätte meinen Blasensprung verhindern können, ein Abstrich hätte gereicht und man hätte die Infektion erkannt, die sich unaufhaltsam ihren Weg in Richtung Fruchtblase gebahnt hatte. Es reicht einfach nicht, alle 4 Wochen zur Untersuchung zu gehen, nur 3 Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft ist viel zu wenig. Hier sind jedoch unsere Gesetzgeber und die Krankenkasse gefordert, auch sie müssen endlich umdenken…

Liebes kleines Krümelchen, Mama und Papa haben sich so auf Dich gefreut, wir lieben Dich und vermissen Dich unendlich. Wir hoffen, es geht Dir gut, dort wo Du jetzt bist…

Krümelchen, still geboren in der 18. Schwangerschaftswoche, am 10. September 2016 um 17.05 Uhr

3 Kommentare

  1. Hallo…
    Es tut mir sehr leid das ihr eure Tochrer gehen lassen musstet. Vor allem weil sie 1 Tag vor unserem Folgewunder geboren wurde
    Wir haben unsere Kinder in der 10 und 18 ssw verloren . Anfangs habe ich mich auch oft gefragt ob mehr Ultraschalltermine etwas geändert hätten. Meine Ärztin schickte mich dann zum Gerinnungsspezialisten obwohl das üblicherweise erst nach 3 Fehlgeburten ( was mich unheimlich sauer machte) gemacht wird ( auch eine Kostenfrage).
    Bei meiner 3m SS bot mir meine Ärztin an alle 3 Wochen zu kommen…für meine Nerven. Ich lehnte jedoch ab da ich dann nur noch unruhiger geworden wäre . Dennoch wurde ich alle 4 Wochen geschallt und an den Doppler angeschlossen. Das hätte sie nicht machen müssen aber sie hat ihren Spielraum soweit wie möglich ausgeschöpft.
    Ich habe es aufgegeben nach einem Schuldigen zu suchen .Das macht das Geschehene nicht besser und auch nicht erträglicher .

    Unser 2.Kind liegt auch in einem Sammelgrab…ein Trost für mich das er nicht alleine dort liegt .

    Ich wünsche dir alles Gute

  2. Mir tut Euer Verlust sehr leid! Dem Staat die Schuld zu geben, finde ich aber nicht richtig. Jeder Arzt kann jederzeit einen Abstrich machen und Du warst ja auch häufig dort. Ich verstehe Euren Schmerz trotzdem. Alles Gute!

    • So ganz mit jederzeit einen Abstrich machen stimmt leider nicht…das ist in vorgegeben in bestimmten Abständen zur Kontrolle. Meist sind das über 4 Wochen. Eine Zeit die du bei einer anbahnenden Infektion aber nicht hast und oftmals ist es schleichend..Bei Fieber und Co ist es meist bereits zu spät und wenn dein Kind dann noch so klein ist…kann man nicht mal einen Notfallkaiserschnitt machen so wie bei mir. Deshalb sinnvoller wäre kürzere Abstände indenen man die Möglichkeit hat bei Anbahnung einer Infektion Therapiemöglichkeiten Medikamente etc aufzustellen.

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